Böse Geister

 

Ich weiß nicht genau wie alt man sein muss um etwas Entscheidendes in seinem Gedächtnis verwahren zu
können. Drei? Vier? Oder fünf Jahre?

Aus dieser frühen Zeit kenne ich Bilder voller Hitze, Lärm und Angst die mich lange Zeit beherrschten. Sie sind in meinem Kopf. Unveränderlich und manchmal schmerzend wie ein altes Brandmal.

Die vielen Lebensjahre, so glaubte ich, hatten eine schützende Narbenschicht darüber gebildet. Aber stets spürte ich das Pochen des Erinnerns darunter.

 

Und plötzlich höre ich nachts wieder diese tiefe Stille. Das ist die beklemmend kurze Spanne zwischen dem letzten Ton der Sirenen und dem Dröhnen der Bomber. Erst fern und schnell angsterfüllend nah. Begleitet vom Getacker der Flak und immer stärkeren Detonationen. Menschen hocken stumm auf Bänken. Zitternde Kellerwände. Bis zum ultimativen Einschlag. Tanzendes, berstendes Mauerwerk und Schwärze. Im wieder aufflackernden Licht Gesteinsbrocken. Dazwischen und darunter Körper. Eine Frau. Und ein Baby, das gerade noch gestillt wurde. Blut. Viel Blut. Ich schmecke Staub und rieche Angst. Ich höre Schreie und schreie selbst. Ich suche Schutz... werde hochgerissen… und sitze aufrecht in meinem Bett. Schweißgebadet. Mitten im Frieden.

 

Was mich besonders verwirrte, je älter ich wurde, desto häufiger und intensiver durchlebte ich diesen und andere nicht weniger eindrückliche Träume.

Reden mochte ich nie darüber. Aber schreiben. Wohl eine Art Selbsttherapie. Krankenkassenfreundlich, da kostenneutral… und hilfreich. Jedenfalls für mich.

Hamburg. Der Tag danach