Das Mädchen von Gleis vierzehn

 

„Hamburg Hauptbahnhof.“ Blechern und undeutlich wie immer. Ich stolpere aus dem Zug und wische mir den Schweiß von der Stirn. Die Klimaanlage. Und das ist nicht das Einzige, was nicht funktioniert hat. Silke! War ich deshalb in Lübeck gewesen? Nur um mir sagen zu lassen, dass ich der letzte Arsch sei und es aus wäre? Robert. Jedenfalls säuselte sie den Namen, nachdem sich ihr Handy mit dem gepiepsten Gaga-Song „Poker Face“ gemeldet hatte. Und das mitten in ihrer Abrechnung mit mir. War sowieso komisch mit uns geworden in letzter Zeit. Irgendwie Gewohnheit und nicht loslassen wollen. Am Ende war ich erleichtert, dass es endlich vorbei war.

Ich gehe die Treppe zur Bahnhofshalle hinauf und bei jeder Stufe bleibt ein Stück Lübeck zurück. Als ich oben ankomme, weiß ich, dass ich nicht erst seit heute frei bin. Während ich zum Ausgang gehe, blicke ich auf die Gleise unter mir. Plötzlich sehe ich sie. Kurzer Rock und knallgelbes T-Shirt. Ich kann sie nicht genau erkennen. Aber sie ist jung. Und sie wirkt völlig verloren auf dem leeren Bahnsteig zwischen Gleis 13 und 14. Da, wo die
Züge nach Süden fahren. Nach Hannover und Stuttgart. Basel und Milano. Es ist Nachmittag und kein Zug in Sicht. Ich kenne das. Hab´ selbst dort gestanden. Im Herbst. Wollte den Stiefel ganz nach unten. Bis Palermo. Mindestens. Zeit hatte ich. Aber keine Kohle.



 

Als ich soweit bin mit dem Denken, hat mich die Rolltreppe schon wieder nach unten gebracht. Ich bin verwirrt. Was will ich hier? Also gehe ich erst einmal an ihr vorbei. Sie hat ein Piratentuch um ihren Kopf geschlungen. Mit FC St. Pauli Totenkopf. Sie ist schlank. Beinahe mager. Rock
und Shirt sind jedenfalls zu weit. Quer über ihre Brust kann ich „Never give up“ lesen. Als ich vorbei bin, spüre ich ihren Blick und drehe mich um. Sie sieht mich an und lächelt. Ich grinse zurück. Verdammt, ihr Lächeln macht mich nervös. Ich will das nicht. Keine neue Silke. Am besten, ich verschwinde. Die Treppe auf der anderen Seite hoch und raus zum Glockengießerwall. Genau das mach ich. Ist aber Quatsch, weil ich bereits auf dem Rückweg bin. Nun kann ich es nicht mehr wie zufällig aussehen lassen. Jetzt muss ich was tun. Etwas Kluges und Witziges von mir geben. Und ich sage: „Hallo.“

Das Lächeln, das mich so unsicher macht, steht ihr gut. Ich könnte ihr jetzt sagen, dass ich sie ziemlich cool finde und ich mich freuen würde, wenn sie mit mir in ein Café ginge. Nur um ein wenig zu quatschen.
Ich zähle im Geiste mein Bares. Es reicht. Die geplante U30 Party im Lübecker „Sounds“ ist ja ausgefallen. Und ehe ich mich versehe, stottere ich: „Kaffee?“

Sie muss bekloppt sein, wenn sie ja sagt, denke ich noch, da hat sie bereits genickt. Wohin? Wir landen in der Thalia-
Buchhandlung an der Spitalerstraße. Sie haben dort ein Café.

Ich erzähle von Lübeck. Nicht von Silke. Auch davon, dass ich Bücher liebe. Natürlich fallen mir keine ein. Stephen
King. Ja, der. Aber ob sie den mag? Also, nein. Sie nippt an ihren Cappuccino, hält den Kopf etwas schräg und sieht mir in die Augen. Ihre sind hellbraun mit ein wenig Grün darin. Und ich finde, sie strahlen etwas Trauriges aus. Selbst wenn sie lacht. Schnell sage ich: „Lukas.“

„Lea“, antwortet sie.

„Ein schöner Name.“

„L und L“, gibt sie zurück.

Ich überlege, ob ich sie frage? Wegen des Kummers in ihrem Blick? Lieber nicht. Stattdessen nehme ich den kleinen Rucksack herunter, den ich mit nach Lübeck genommen habe und der zwischen Stuhllehne und Schulter drückt.

„Es ist schön am Bahnhof.“ Plötzlich spricht sie. „Man kann sich überall hin träumen.“

Ich hab´es geahnt. Die ganze Zeit. Sie hat dasselbe Fernweh wie ich, und ich erzähle von meinen Besuchen am Gleis vierzehn.

„Dann kennst du das ja.“ Ihr Lächeln wirkt wissend und gleichzeitig wehmütig. „Ich wollte… wenigstens jetzt… Ach, egal.“ Und plötzlich. „Lass uns gehen. Bitte.“

Ich sehe sie an.

„Die Luft hier. Sie ist so drückend.“

„Planten un Blomen?“

Sie nickt und wir fahren mit der S-Bahn bis Dammtor. Es ist inzwischen Abend. Und meinen Rucksack, mit den wenigen Utensilien für Lübeck, habe ich bei Thalia vergessen.
Der Park ist voll und wir gehen zum See. Das Wetter ist wie gemacht für Paare. Sind wir eins? Wir wollen telefonieren und tauschen die Nummern aus. Ihre beginnt mit sieben, vier, eins, null… Irgendetwas klingelts bei mir.

„Ist in Eppendorf“, erklärt sie.

Ein guter Stadtteil. Besser als meiner. Ich wohne St. Pauli, in der Kastanienallee. Altbau. Im zweiten Stock, kurz hinter oder vor der Prinzenbar. Je nachdem von welcher Seite man kommt. Wir schauen auf das Wasser des Sees. Ihre Hand berührt meine. Entfernt sich und bleibt danach in meiner liegen. Ganz leicht. Sie erinnert mich an den Spatz letztes Jahr. Plötzlich war er vor mir und hüpfte piepsend im Kreis. Ein Flügel lahmte. Dass ich ihn nicht aufpäppeln konnte, macht mich noch heute traurig.



 

An einem Abend letzte Woche haben sie hier die Wassermusik gebracht. Untermalt von Licht- und Wasserfontänen. Ob sie Musik mag? Ich meine solche?

„Magst du Händel…?“, beginne ich.

Sie unterbricht mich und sagt ganz ernsthaft. „Ich möchte mit dir schlafen… Aber bei mir in Eppendorf geht es nicht.“

Ich muss ziemlich blöd dreinschauen.

„Tut mir leid, dass ich so direkt bin“, lacht sie. „Aber ich hab nur wenig Zeit.“

Zuerst will ich fragen, ob sie Model ist? Wegen der Zeit und weil sie doch so dünn ist. Aber ich will es nicht versauen und frage: „Magst du St. Pauli?“

Sie mag.

 

Vorhänge und Fenster sind wegen der Hitze offen. Das Neon der Kneipe, schräg gegenüber taucht die Tapete hinter meinem Bett abwechselnd in blau und rot. Für St. Pauli ist es früh. Trotzdem nicht zu früh für ein betrunkenes Paar, das sich auf der Straße anpöbelt. Sie werden richtig laut und Lea berichtet von der Fensterbank, auf der sie sitzt. „Sie hat ihn getreten. Ooh…, das muss wehgetan haben. Aber er gibt den Schlüssel nicht her.
Meint, er wäre stocknüchtern.“

Sie dreht sich zu mir. Und mir wird bewusst, dass ich noch nie in meinem Leben eine nacktere Frau gesehen habe. Das Piratentuch ist in meinem Bett geblieben und ihr haarloser Schädel leuchtet im Lichtwechsel blau und rot zu mir herüber. Auch ihr Körper ist völlig kahl. Ihre absolute
Nacktheit wird durch meinen Samen noch verstärkt, der an ihr im Lichtwechsel glänzt.

Als Lea wieder neben mir liegt sagt sie: „Weißt Du, zu Hause hieß es immer, glaube an dich und gib nie auf. Das galt in der Schule, auf der Uni…“ Sie zögert kurz. „Und dann waren sie plötzlich tot. Ein Raubüberfall auf Malle, während sie Urlaub machten.“ Auf der Straße heult ein Motor auf. Blech scheppert. „Danach das Informatikstudium. Wegen der Logik. Ich liebe es, wenn alles einen Sinn hat. Weißt du?“

„Und was für einen Sinn ergibt es, zu einem
wildfremden Mann ins Bett zu kriechen?“

„Du bist mir nicht fremd. Das wusste ich sofort.“

 

Später stehe ich am Fenster. Etwas entfernt
grölt jemand „nachts um halb Eins“. Ich bin an die Geräusche hier gewöhnt. Heute nicht. Ich kann nicht schlafen. Die Haustür klappt. Die Frau von nebenan geht zur Arbeit. Sie stöckelt in einem Nichts von Kleid in Richtung Davidstraße. Halb zwei. Die Konkurrenz ist hart. Und sie wird bald vierzig. Ich blicke auf Lea in meinem Bett. Die Decke liegt auf dem Boden. Jetzt im Schlaf wirkt sie besonders zerbrechlich. Fast durchscheinend. Ich mag sie. Sehr sogar.
Und ich möchte sie beschützen. Aber es wird am Ende wie bei dem Spatz vom letzten Jahr sein. Sie weiß es, hat sie gesagt.
Und dann noch hinzugefügt. „Vor dem Einschlafen sage ich immer, ich gebe nicht auf. Und am Morgen sage ich, ich lebe, weil ich nicht aufgegeben habe.“ Dabei hat sie ihr Gesicht verzogen. „Blöd, nicht? Ich kann´s nicht akzeptieren, obwohl es bestimmt leichter wäre.“ Nach
einer langen Pause fügte sie hinzu. „Falls du…? Ich meine, jetzt wo du es weißt… Schwester Ulla ist meine Vertrauensschwester. Sie weiß, wo ich zu finden bin.“

Deshalb kam mir die Nummer so bekannt vor. Ich war da mal ZIVI. Und nachher? Ich meine, wenn sie aufwacht…?
Soll ich ihr sagen, dass ich sie liebe? Und dann?

Wir müssen einfach schneller, viel schneller leben.

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