Landleben

 

Immer nur die Klassen sieben bis neun. Und die zwanzig Jahre mit Erna. Das hat mir den Rest gegeben. Ständig wusste sie es
besser. Das Schlimmste, sie hasste Fienchen, meine anhängliche Anakonda. Und Bea, die scheue Boa Konstriktor.

 

Mit Einundfünfzig war ich ausgebrannt und sie haben
mich frühpensioniert. Danach bin ich aufs Land. Der Ruhe wegen. Erna ist mit ihrem Neuen in Hamburg geblieben… Armer Kerl.

 

Heute Morgen ist es besonders diesig an der Straße nach Achterdieck. Es ist die einzige. Unser Dorf hat sieben Häuser und liegt am Kanal, den wir wegen des Deichs nicht sehen können. Dafür schweben häufig die Aufbauten der großen Pötte an uns vorüber. Die Besatzungen sehen uns dabei von oben in die Kochtöpfe und die Betten. Aber das ist nicht schlimm. Denn hier wohnen nur alte Leute. Bis auf Jan, der einen Trecker und ein Stück Land hat.

„Sitz Erna.“ Mein Jack Russel gehorcht. Ich glaube, das mit seinem Namen war pure Gewohnheit. Jedenfalls widerspricht er nicht.                                                                                             

Nach links führt löcheriges Kopfsteinpflaster schnurgerade in den Horizont. Rechts, kurz vor unserem Ort, liegt die Achterdiecker Todeskurve. Die heißt so, weil Jan eines nachts genau dort seinen Trecker auf die Seite gelegt hat, als er aus Gesches Krug kam. Besoffen, behauptet der alte Kröger. Doch der ist nur neidisch, weil Gesche beim Lenken auf Jans Schoss gesessen hat.

 

„Komm Erna.“ Jetzt sehe ich die Biegung. Mann, das is‘n Ding. Eine alte graue S-Klasse hat ihre Schnauze in die Böschung
gerammt. Sieht ernst aus. Der hat die Kurve nicht gekriegt. Kein Wunder bei dem Nebel dort. Die Vordertüren sind offen. Aus dem Motorraum quillt Rauch. Und zwei Gestalten stolpern über Jans Acker. Eine junge Frau im Sommerkleid. Sie humpelt. Der Mann neben ihr stützt sie. Sie wollen offenbar zum nahen Wäldchen. Aber da ist nur die Müllkippe.

 

„Polizeimeister Holger Lange“, meldet sich
die Dienststelle aus der Kreisstadt. Ich schildere am Handy was passiert ist. Er will eine Streife und einen Unfallwagen schicken. Aber, das wird dauern. Vielleicht kann ich inzwischen helfen.

Gerade will ich mit Erna rüber zum Feld, als ein BMW heran fegt. Quer treibend und mit rauchenden Reifen kommt er knapp
hinter dem Mercedes zum stehen. Drei Typen mit vermummten Gesichtern springen raus. Sie halten Maschinenpistolen. Zwei laufen aufs Feld. Einer bleibt beim BMW. Hinter einem Busch finde ich Deckung.

 

Wieder habe ich Polizeimeister Lange am Telefon.

„Kommen Sie schnell!“, schreie ich, um das Knattern
der Salven zu übertönen. „Drei Kerle. Zwei verfolgen das Paar! Ja genau, die auf dem Feld! Der Mann! Oh Gott, er taumelt! Er ist getroffen!“ Und ich sehe wie er entsetzlich langsam einknickt und in Jans Wintergerste fällt. Die Frau beugt sich über ihn.

„Ich gebe Großalarm!“, verspricht Lange.
Helle Flammen schlagen aus dem gestrandeten Benz. Ich presse meine Hand auf den Mund. In was bin ich da nur hineingeraten?

 

Wo ist Erna? Verdammt! Er hängt an der Wade des Aufpassers beim BMW.

„Verdammte Töle!“ Der Typ reißt seine Waffe hoch. Ohne zu Denken verlasse ich die Deckung und renne auf ihn zu. „Nicht Erna, du Schwein!“ Brüllend reißt er sich die Maske runter. Ich sehe sein vor Schmerz verzerrtes Gesicht. Oh Gott, jetzt ist es aus. Ich kann ihn wiedererkennen. Ihn identifizieren. Er muss mich erschießen. Das ist in jedem Krimi so. Und wer wird sich um Bea und Finchen kümmern? Besonders die scheue Bea macht mir Sorgen. Sie fremdelt so leicht. Ich kneife die Augen fest zu. Ich will nicht sehen wie er mich abknallt. Schrill gellt mir seine Stimme in den Ohren. „Nehmt endlich den beschissenen Köter weg.“ Wieso schießt er nicht?

Jemand ruft. „Halt durch Erik. Zuerst, der Wagen.“

Da sind noch mehr. Und Erna scheint sich an dem schreienden Erik festgebissen zu haben. Fast so wie früher die andere Erna,
wenn sie glaubte Recht zu haben. Und das war eigentlich immer.

Ich öffne ein Auge. Nur einen Spalt. Eriks MP liegt auf dem Boden. Er kreischt wie ein Irrer und versucht den Jack Russel abzuschütten. Aber Erna hält fest.

 

„Was hast du Idiot hier zu suchen?“ Eine tiefe,
unheilvolle Stimme. Sie ist direkt hinter mir. Das muss der Boss sein. So hat früher mein Schulleiter geklungen. Ich möchte mich auflösen. Einfach so.
 

Da! Ein ohrenbetäubender Knall! Und eine heiße Druckwelle wirft mich fast um. Die S-Klasse ist explodiert. Ihre Heckklappe
trudelt durch die Luft und landet scheppernd in Jans Gerste.

„Haltet drauf“, dröhnt es in meinem Nacken.
Ich drehe mich um. Das Organ passt zum Rest. Ein Kerl wie ein Berg. Bärtig, mit Sonnenbrille und noch übler als mein Direktor. Das ist der Boss! Tief grollend faucht er. „Das mit dem Köter wirst du mir bezahlen. Du Flachsack!“

 

Während am Horizont eine lange Reihe Blaulichter auftaucht, brüllt er: „Den Köter schneiden wir raus. Und stellt endlich den verdammten Nebelwerfer ab.“